Siri Kusch

Autorin

© Siri Kusch 2013


Die junge Obdachlose

 

verfilzte haare, karmesinrot eingefärbt, und
aufgesteckt zu einem widerspenst’gen turm mit zinnen –
uneinstürzbar gemörtelt mit dreck von außen und fett von innen.

 

das t-shirt oft zerrissen, vielfarben-gräulich.
die jeans, schon längst verschlissen, vielfarben-bläulich.
die nackten füße, dürftig nur verbunden,
in badelatschen, ihre schwären zeigend, eiterwunden.
die stigmata des lebens in der gosse.

 

doch allem elend trotzend dieser blick –
nicht furchtsam, nicht getrieben,
sondern…
liebend.






Stopover in Stendal

(published in Jai-Alai No. 9, Miami)


Flat, hollow countryside between
two metropolises. A train stops
unsuspected at a station where
nobody is boarding or disembarking.


Merely a traffic junction now,
a minor pivot, minuscule leg of
transit on two once busy routes to
Old Europe’s Eastern boundary.


Tracks hemmed with forlorn hope.
Bleak brick buildings that canvass
steel furniture from Stendal. Barred
witnesses of blatant business bust.


Abandoned homes, scattered
forsaken in commercial deserts,
are crouching in the cold, weighed
down by grey clouds, leaden skies.


Dull light shines through blind windows
of buildings that entomb survivors
in cities suffering from consumption.
Outcries at ballots. Red and Black.

Kristalline Erstarrung

 

der kalte frosthauch, der meinen cortex mit jedem
tage mehr umhüllt, kommt aus dem norden,
aus der stammregion des großhirns,
eine weithin unerforschte gegend,
antarktis der gefühle, wo auch
gletscher nicht mehr wandern,
eisberge selbst erstarren:

 

milchige sonne, spende wärme mir.

 

polare kaltluft strömt frontal und
trifft der lappen hemisphäre, in die
kein lichtstrahl fällt, denn diese breiten
sucht kein wärmespender auf. zu nördlich
abgeschieden ist ein zwischenhirn, wo stumme
einsamkeit gedanken und gefühle kristallisiert,
eiszapfen bildet, die bei berührung leicht zerbrechen:

 

milchige sonne, sende wärme mir.




stopover in stendal

(veröffentlicht in Jai-Alai Nr. 9, Miami)


in leerer landschaft, zwischen zwei
metropolen, bremst der zug,
hält unvermutet. ein bahnhof,
an dem niemand ein- noch aussteigt.


längst nur noch knoten für verkehr,
ein drehkreuz, etappenpünktchen
ost auf zwei einstigen zielgeraden
in europas alten westen.


verblich‘ne hoffnung säumt die gleise.
fahl werben backsteinbauten für
stahlmöbel aus stendal. verschloss’ne
zeugen welker wirtschaftsblüte.


versprengt im weiten, flachen land
kauern verlass’ne häuser, geduckt
unter der schwere eines bleiern
grauen himmels, in der kälte.


wäss’riger lichtschein dämmert aus
blinden fenstern, die überlebende
verbergen. schwindsucht der städte.
wählen als aufschrei: rot und schwarz


Ackerkult 1915


sommer ist’s.

auf allen hügeln
dieses sanften flanderns
blüht der papaver.

blutrot

färbt er die felder.
fruchtbarer boden,
nährstoffreich gedüngt,

wird

dennoch nicht bestellt.
kein bauer zieht mehr
furchen in die

krume.

dafür ein labyrinth von
laufgrabengeschlängel, in
dem die furcht

gedeiht.

blindgänger sind gesät,
spätere augenzeugen
blanken grauens.

tiefrot

flackern die truppen
in reih und glied.
in massen wirkt der

mohn

munter und mündig,
doch jede blüte
ist dünnhäutig zart,

welk

noch vor dem pflücken.

Mesostic of Stopover at Stendal

   

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